Ete, was soll man dazu sagen?

Mai 25th, 2007 | By Martin Eckhard | Category: Private Sachen

LeTourNachdem Michael und viele, viele andere es schon getan haben, will ich als großer Passivsportler nun auch mal meinen Senf zur Dopingdiskussion im Radsport dazu geben. Solange ich mich erinnern kann bin ich Radsportfan. Insbesondere die Tour, na klar wird bei fast jedem so sein, hatte es mir schon immer angetan. Ich glaube ich habe in der 7. Klasse auch nur Französisch als zweite Fremdsprache gewählt, weil die L’Equipe nun mal nicht in Latein gedruckt wird. Die große Schleife – Alpen, Pyrenäen, Col de la Madeleine, Col du Tourmalet, L’Alpe d’Huez und Mont Ventoux, die Sprintankünfte in Bordeaux und Paris. Die großen Helden – “Lucho” Herrera, Indurain, Hinault, Epo Lance und Bloody Ulle.

Natürlich hat Michael Recht, wenn er sagt, dass es das nicht gewesen sein kann mit der Aufarbeitung der Dopingvergangenheit und Gegenwart. Und natürlich sind es in erster Linie die Athleten, die entscheiden könnten nicht zu betrügen und einen sauberen Rennsport zu betreiben. Andererseits ist es für mich nur schwer vorstellbar, dass ein systematisches Doping beim Team Telekom oder im gesamten Profi-Radsport allein aus dem Wunsch der einzelnen Fahrer nach eigenen Topleistungen heraus entsteht.

Was erlaube ARD?

Schon hört man in den Medien, in erster Linie Reihe bei der ARD, wobei man m.E. nicht vergessen darf, dass der Sender mit öffentlichem Auftrag 6 Jahre lang das Team Telekom gesponsort hat, die Fans wünschen sich einen sauberen Sport und fühlen sich betrogen.

Das ist totaler Bullshit! Der Fan will Radsport sehen, der Fan verlangt nach der Atmosphäre an der Strecke, der Fan will unmenschliche Leistung sehen, die er sich aber dann doch lieber nicht selbst aufbürden möchte. Das sieht sich der Fan lieber von außen an und stimmt laut ein, wenn Udo Bölts seinem Kapitän am Berg zuruft: “Quäl dich du Sau!” Der Fan weiß ohnehin seit jeher, dass man nicht 3 Wochen aufm Fahrrad durch Frankreich gurken kann, ganz vorne über die Berge fährt, super Zeitfahren abliefert, das Rennen unter den ersten 10 beendet und das alles nur mit Nudeln, Cola und Bananen schafft. Mich hat keiner der Athleten je betrogen. Wie das mit ihren Kollegen aussieht ist eine andere Frage. Auch die Sponsoren wurden nicht betrogen, denn ihr Druck und ihr Drang nach guter Darstellung trägt ebenso Schuld an der Misere wie der Doper, das Team und sogar meine Leidenschaft für den Sport.

Mein Geständnis

Deshalb möchte auch ich in an dieser Stelle um Entschuldigung bitten.
Ich habe mich selbst und andere jahrelang belogen. Ich wusste oder zumindest ahnte ich etwas von dem Verlust der Sportlichkeit im Radsport. Ich wusste es werden unfaire Praktiken genutzt um ganz vorne dabei zu sein und ich habe nichts dagegen unternommen. Ich habe nicht den Fernseher ausgeschaltet, ich bin nicht aufgestanden und habe “Betrug” gerufen.
Ich bin sogar nach Frankreich gefahren und habe die Machenschaften noch unterstützt indem ich Merchandising-Artikel gekauft habe.

So, das ist meine Beichte und die erwarte ich jetzt auch und zuvorderst von Medien und der Wirtschaft. Ich akzeptiere es nicht, dass sich Journalisten hinstellen und Entschuldigungen verlangen, weil sie von den Sportlern belogen wurden. Das ist eine Frechheit – Ihr habt auch mitgemacht. Ihr habt es auch gewusst. Ihr habt weggeschaut und auch IHR habt die Zuschauer belogen.
Es ist indiskutabel wie die Sponsoren im Radsport mit der Situation umgehen. Wirklicher Wille zur Veränderung ist bei ihnen keinesfalls zu erkennen. Dort werden zur Zeit so viele Hände in Unschuld gewaschen, dass man gar Wasser- und Seifenknappheit befürchten muss. Die ganz feigen Vertreter machen sich schonmal schnell aus dem Staub.

Wie weiter?

Stoppt das Doping! Wie? Keine Ahnung. Aber ein Wegschauen oder gar eine Legalisierung dieser Unart im Sport, ist für mich nicht länger akzeptabel. Denn auch wenn mir im Grunde egal ist, ob ein Rad-Profi einen anderen Rad-Profi besch****, trage ich als Fan Verantwortung für das was im und mit dem Sport passiert. Wenn wir irgendwann beim Gen-Doping angelangt sind… – naja daran will ich jedenfalls nicht auch noch Schuld sein.

Ich habe fertig?

Ich werde auch weiterhin den Radsport verfolgen, so es denn noch weitergeht mit der Show. Warum? Weil es trotzdem geil ist sich Radsport anzuschauen. Ein sauberer Sport ist nicht nur wünschenswert, sondern erforderlich. Dennoch, das ist echter Schweiß, es sind echte Schmerzen und echte Leiden. Ob mit oder ohne Epo, die Athleten, und das sind sie auch weiterhin, gehen an Ihre Grenze. Auf den Sätteln sitzen nach wie vor Menschen und keine Epo-Ampullen oder Mutanten. Sie mögen ihre Chrakterschwächen haben, wie jeder von uns, aber sie haben mich stets gut unterhalten.

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5 comments
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  1. Respekt, Herr Eckhard, eine feine Analyse, die auch Aspekte beleuchtet, die sonst unbeachtet bleiben.
    Hast du auch ein wenig geweint bei deinem Geständnis?

  2. Danke sehr. Nein ich habe nicht geweint, aber ich habe ja auch keinen radsportbegeisterten Sohn.

  3. [...] Das Publikum verlangt nach Sensationen und wen interessiert dabei das Doping? Ein sehr treffendes Bekenntnis dazu stammt aus Eckis Tasten und trifft den Kern weit mehr als profilierungssüchtige Politiker der zweiten Reihe. Und wer dieses Fass wirklich aufmachen will, sollte bitte bei Volksmusiksendungen anfangen. Was Moderatoren, Interpreten und das Studiopublikum da so intus haben, hätten nicht mal die Mediziner aus Freiburg verabreicht. [...]

  4. 100% Zustimmung. Jeder, der sich ernsthaft für den Radsport interessiert, weiß was los ist. Dass sich da jemals was ändert, glaube ich aber schon lange nicht mehr. Riis packt in vollem Umfang über seine Doping-Vergangenheit aus, und beschwört zugleich, dass in seinem jetzigen Team alles sauber ist. Das zeigt schon sehr deutlich, dass die Outings über die Vergangenheit noch lange nicht den Willen beinhalten, in der Gegenwart etwas daran zu ändern – was natürlich auch ungleich schwieriger ist.

    Natürlich werde ich mir auch weiterhin Radrennen ansehen. “Weil es trotzdem geil ist”

  5. [...] Ich habe mich ja schon an anderer Stelle über Doping im Radsport und unsere öffentlich-rechtlichen Fernsehsender ausgelassen. Gestern ist es dann passiert: Ein weiterer Dopingfall während der Tour de France, obwohl der eigentlich gar nicht bei der Tour passiert… . Ach wat solls. Worum es eigentlich gehen soll, ist die Frechheit der ARD und des ZDF mir einfach die Tour vorzuenthalten und die Übertragung abzubrechen. Was fällt denen ein? Soweit ich das verstehe, haben diese Sender einen öffentlichen Auftrag und der besteht nicht darin Sportler zu erziehen, sondern mich und andere darüber zu informieren was in der Welt passiert. [...]

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